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„Die Grünen sind die Partei der jungen Menschen“

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„Die Grünen sind die Partei der jungen Menschen“

Interview mit Lisa Becker, Spitzenkandidatin der Grünen

Nach fünf Jahren in der außerparlamentarischen Opposition wollen die Grünen in den Landtag zurückkehren. Spitzenkandidatin Lisa Becker erklärt, was sie in der Bildungs-, Energie- und Verkehrspolitik ändern würde.

Die Grünen werden im Saarland als total zerstrittene Partei wahrgenommen, die zur Bundestagswahl 2021 nicht einmal die Aufstellung einer gültigen Landesliste hinbekommen hat. Warum sollte ein junger Mensch bei der Landtagswahl die Grünen wählen?

Ein junger Mensch sollte die Grünen wählen, weil sie sich für die Themen einsetzen, die für die junge Generation die wichtigsten Themen sind. Der Klimawandel ist schon jetzt und wird auch in den nächsten Jahren das maßgebliche Thema sein. Wenn wir es nicht schaffen, die Klimakrise wenigstens einzudämmen, werden wir und vor allem unsere Nachfahren keine Lebensgrundlage mehr haben. Deshalb ist die Grüne Partei die Partei der jungen Menschen.

Klimaforscher behaupten, es ist „fünf nach zwölf“ und nicht mehr „fünf vor zwölf“. Lässt sich die Politik, auch die grüne Politik, deshalb nicht zu viel Zeit? Zeit, die wir nicht haben?

Die erste Weltklimakonferenz hat sich schon 1979 mit der Frage der Eindämmung des menschengemachten Klimawandels beschäftigt. Jahrzehntelang haben wir es versäumt, wirksame Maßnahmen auf den Weg zu bringen. Durch die spürbare Erderwärmung und die wissenschaftlich prognostizierten dramatischen Auswirkungen entsteht nun Druck zu handeln. Es bleibt jedoch zu befürchten, dass die geplanten Maßnahmen nicht ausreichen und daher die kommenden Generationen die Leidtragenden sein werden. Seit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts steht jedoch fest: Die Politik darf die Interessen der nachfolgenden Generationen im Bereich des Klimaschutzes nicht länger vernachlässigen. Dieses Urteil wird die zukünftigen politischen Entscheidungen maßgeblich beeinflussen.

„Ich habe selbst die Erfahrung gemacht, dass man gerade als junger Mensch in Politik und Gesellschaft oft wenig Gehör findet“

Wenn es um die Interessen der jungen Generation geht, warum darf diese Generation dann nicht viel stärker Einfluss nehmen? Wie stehen Sie zur Absenkung des Wahlalters auf 16 Jahre?

Die Grünen fordern schon lange das Wahlalter ab 16, die Grüne Jugend fordert sogar, das Wahlalter auf 14 Jahre abzusenken. Wir haben einen demografischen Wandel, der dazu führt, dass mehr alte Menschen wählen und weniger junge Menschen. Daher ist es unbedingt notwendig, dass das Wahlalter abgesenkt wird, damit auch die Wahlergebnisse repräsentativ für die Wähler beziehungsweise für die Bevölkerung sind.

Viele Jugendliche sind politisch interessiert, sogar engagiert, zum Beispiel bei „Fridays for Future“, der Großteil ist es aber nicht. Das Wahlrecht ist ein hohes Gut in der Demokratie. Müsste es da nicht zunächst mal mehr politische Bildung geben? Und auch mehr Möglichkeiten, als junger Mensch gehört zu werden?

Definitiv bräuchten wir das. Politische Bildung muss einen höheren Stellenwert bekommen und sollte auch mit gesellschaftlichen und umweltpolitischen Themen unterrichtet werden. Ich selbst war im Politik-Leistungskurs und habe davon in hohem Maße profitiert. Ob ich ohne diese politische Bildung nun heute hier sitzen würde, weiß ich nicht. Wir brauchen auch mehr Beteiligungsmöglichkeiten von Jugendlichen, zum einen durch ein Wahlalter ab 16 Jahren, aber auch durch Jugendbeiräte in den Kommunen. Ebenso auch ein Umdenken in der Gesellschaft: Ich habe selbst die Erfahrung gemacht, dass man gerade als junger Mensch in Politik und Gesellschaft oft wenig Gehör findet. Leider glauben viele bei uns immer noch, dass man zum Mitbestimmen ein gewisses Alter haben sollte.

Das ist Lisa Becker

Wie schätzen Sie Ihre Chancen bei der Landtagswahl ein? Wird es leichter werden, grüne Politik im Saarland zu machen nach den Ergebnissen der Grünen bei der Bundestagswahl und der Besetzung wichtiger Bundesministerien durch Grünen-Politiker?

Ich schätze meine Chancen bei der Landtagswahl gut ein. Unser Ziel ist es, mit einer starken Fraktion in den Landtag einzuziehen. Und ja, die Ampel wird viele Weichen aus Berlin anders stellen. So sind beispielsweise Erleichterungen in Bezug auf die Errichtung von Windkrafträdern oder eine Photovoltaik-Pflicht für Neubauten zu erwarten.

„Das Bildungssystem muss durchlässig sein und bleiben“

Die CDU plant die Rückkehr zu G9. Bei der „Qualitätsoffensive plus“, wie die CDU es nennt, soll der Fokus der gymnasialen Ausbildung auf die Vorbereitung zum Studium und bei den Gemeinschaftsschulen zur Qualifikation für Lehrberufe liegen. Müssen beide Schulformen nicht im Hinblick auf die Zukunft neu durchdacht werden, also Lehrpläne auch inhaltlich geändert werden?

Die Grünen waren nie Freunde von G8, was ja von der CDU eingeführt wurde. In der Jamaika-Koalition unter grüner Beteiligung wollte die CDU nicht zurück zu G9, jetzt auf einmal will sie das. Wir sind dafür offen, es gibt jedoch einen gewissen Bedarf an den Gemeinschaftsschulen. Zudem wäre die Einführung von G9 mit einem erhöhten Lehrerbedarf sowie einem Bauprogramm zur Deckung des Raumbedarfs verbunden. Das alles darf auf keinen Fall zulasten der Gemeinschaftsschulen gehen, das heißt zulasten der Lehrerstellen dort, der Inklusion oder zulasten der Klassengröße. Das muss auch alles beachtet werden. Aus unserer Sicht muss man sich eine Rückkehr zu G9 wirklich gut überlegen.

Die CDU plant die Rückkehr zu G9. Bei der „Qualitätsoffensive plus“, wie die CDU es nennt, soll der Fokus der gymnasialen Ausbildung auf die Vorbereitung zum Studium und bei den Gemeinschaftsschulen zur Qualifikation für Lehrberufe liegen. Müssen beide Schulformen nicht im Hinblick auf die Zukunft neu durchdacht werden, also Lehrpläne auch inhaltlich geändert werden?

Die Grünen waren nie Freunde von G8, was ja von der CDU eingeführt wurde. In der Jamaika-Koalition unter grüner Beteiligung wollte die CDU nicht zurück zu G9, jetzt auf einmal will sie das. Wir sind dafür offen, es gibt jedoch einen gewissen Bedarf an den Gemeinschaftsschulen. Zudem wäre die Einführung von G9 mit einem erhöhten Lehrerbedarf sowie einem Bauprogramm zur Deckung des Raumbedarfs verbunden. Das alles darf auf keinen Fall zulasten der Gemeinschaftsschulen gehen, das heißt zulasten der Lehrerstellen dort, der Inklusion oder zulasten der Klassengröße. Das muss auch alles beachtet werden. Aus unserer Sicht muss man sich eine Rückkehr zu G9 wirklich gut überlegen.

Was ist Ihre Bedingung dafür?

Investitionen in ein neunjähriges Gymnasium darf es nur geben, wenn man dabei auch die Gemeinschaftsschulen stärken kann. Im Moment haben wir die Möglichkeit, an der Gemeinschaftsschule nach neun Jahren das Abitur zu machen. Das ist gut so, hier hat das Bildungssystem eine gewisse Durchlässigkeit. Hat man in der Grundschule noch nicht so gute Noten, besteht auf der Gemeinschaftsschule dennoch die Möglichkeit, Abitur zu machen.  Das war bei mir auch so; ich bin nach der Realschule aufs Gymnasium gegangen. Wenn G9 aber wieder zu der alten Aufteilung führen soll, haben wir ein totales Rollback von 20 Jahren. Ich halte die Trennung von Gymnasium und Gemeinschaftsschule im Hinblick auf Studium und Lehrberufe für falsch. Das Bildungssystem muss durchlässig sein und bleiben. Auch Schülerinnen und Schüler auf Gemeinschaftsschulen sollten so ausgebildet werden, dass sie am Ende auch Abitur machen können, sofern sie das wünschen.

Eine große Baustelle der Bildungspolitik ist die Digitalisierung der Schulen. Was müsste da aus Ihrer Sicht konkret getan werden, damit sich die Situation verbessert?

Digitales muss mehr in die Schule integriert werden. Mit der Verteilung von Tablets an alle Schülerinnen und Schüler ist der erste Schritt getan. Diesbezüglich gilt es nun weiter in die Ausbildung der Lehrkräfte und entsprechende Programme zu investieren.

„Digitalisierung in den Klassen funktioniert nicht, nur weil ich jetzt ein Tablet habe“

Hat sich durch Corona hier nicht schon etwas zum Positiven verändert?

Ja, die Digitalisierung ist im letzten Jahr durch Corona bedingt ein bisschen vorangekommen. Die Grünen sehen da dennoch Handlungsbedarf. Zwar haben jetzt viele Schüler Tablets, jedoch nicht alle. Es fehlt auch an der Infrastruktur in den Schulen und an Aus- und Fortbildungsangeboten für Lehrer. Digitalisierung in den Klassen funktioniert nicht, nur weil ich jetzt ein Tablet habe, es muss auch bedient werden können und es muss auch eingesetzt werden können. Da sehen wir im Moment den größten Handlungsbedarf. Hier braucht es Fachpersonal zur Unterstützung.

Im Saarland sollen ab der dritten Klasse Tablets eingesetzt werden. Wird das teilweise die Schulbücher ersetzen oder gar das Ende des Schulbuches sein? Es stellt sich ja die Frage, ob man über das Tablet Lust am Lesen bekommen kann und ob das am Ende nicht vielleicht sogar die Bildungskluft noch größer macht?

Die Entwicklung in Richtung Digitalisierung ist nicht aufzuhalten und es ist auch richtig, dass die Schule digitaler wird. In Zukunft wird es Schulbücher auf dem Tablet geben, ich denke die Entwicklung ist klar. Die Bildungskluft wird dadurch meiner Meinung nach nicht größer. Und ja, auch Tablets machen Lust aufs Lesen. 

Noch einmal zu den Lehrern. Da haben wir während der Lockdown-Zeiten gesehen, dass viele mit den bereits vorhandenen digitalen Plattformen und Medien nicht zurechtkamen. Wie sollen die Lehrer auf den Umgang mit digitalen Endgeräten vorbereitet werden?

Ich denke, hier braucht es Schulungen. Die Ausbildung der Lehrer muss angepasst werden.
Es müssen entsprechende Programme eingerichtet werden. Das hätte zuerst passieren müssen und wurde leider verpasst, aber spätestens jetzt muss das kommen.

Im Saarland sollen ab der dritten Klasse Tablets eingesetzt werden. Wird das teilweise die Schulbücher ersetzen oder gar das Ende des Schulbuches sein? Es stellt sich ja die Frage, ob man über das Tablet Lust am Lesen bekommen kann und ob das am Ende nicht vielleicht sogar die Bildungskluft noch größer macht?

Die Entwicklung in Richtung Digitalisierung ist nicht aufzuhalten und es ist auch richtig, dass die Schule digitaler wird. In Zukunft wird es Schulbücher auf dem Tablet geben, ich denke die Entwicklung ist klar. Die Bildungskluft wird dadurch meiner Meinung nach nicht größer. Und ja, auch Tablets machen Lust aufs Lesen.

Noch einmal zu den Lehrern. Da haben wir während der Lockdown-Zeiten gesehen, dass viele mit den bereits vorhandenen digitalen Plattformen und Medien nicht zurechtkamen. Wie sollen die Lehrer auf den Umgang mit digitalen Endgeräten vorbereitet werden?

Ich denke, hier braucht es Schulungen. Die Ausbildung der Lehrer muss angepasst werden. 
Es müssen entsprechende Programme eingerichtet werden. Das hätte zuerst passieren müssen und wurde leider verpasst, aber spätestens jetzt muss das kommen.

War es ein Fehler, dass die CDU vor mehr als 20 Jahren das achtjährige Gymnasium im Saarland einführte?

Heute ist die Zeit eine ganz andere. Wir leben in einer digitalisierten und globalisierten Welt. Das bedeutet, dass Mehrsprachigkeit gefordert wird. Man müsste schon in der 5. Klasse Informatik unterrichten und ich glaube, dass heute auch die Sozialkompetenz größeres Augenmerk braucht als noch vor 20 Jahren zur Zeit des Wehr- und Zivildienstes. Mir war klar, als ich als Ministerpräsident ins Amt gekommen bin, dass ich dieses Thema vorurteilsfrei angehe. Deswegen habe ich auch gemeinsam mit meinen Bildungsexpertinnen und -experten in der Partei vor anderthalb Jahren entschieden: Wir gehen das jetzt an. Das Ergebnis ist keine reine Rückkehr zu G9, sondern dass wir den Gymnasien ein neues Profil, mehr Inhalte und mehr Zeit bis zum Abitur geben.

Wie sieht denn ein gutes Unterrichtskonzept zu Pandemiezeiten aus?

Das beste Unterrichtskonzept ist eines, das vor Ort und in Präsenz stattfindet. Wir müssen die digitalen Möglichkeiten mehr in den Vordergrund stellen. Kommt dann noch einmal eine neue Pandemiewelle, kann man dadurch schnell ins Lernen von Zuhause wechseln. Ich habe deshalb persönlich dafür gesorgt, dass für alle Schülerinnen und Schüler Tablets angeschafft und an den Schulen ausgeteilt werden. Aber wir brauchen auch geeignete Unterrichtskonzepte für den Distanzunterricht.

Wie sieht denn ein gutes Unterrichtskonzept zu Pandemiezeiten aus?

Das beste Unterrichtskonzept ist eines, das vor Ort und in Präsenz stattfindet. Wir müssen die digitalen Möglichkeiten mehr in den Vordergrund stellen. Kommt dann noch einmal eine neue Pandemiewelle, kann man dadurch schnell ins Lernen von Zuhause wechseln. Ich habe deshalb persönlich dafür gesorgt, dass für alle Schülerinnen und Schüler Tablets angeschafft und an den Schulen ausgeteilt werden. Aber wir brauchen auch geeignete Unterrichtskonzepte für den Distanzunterricht.

„Atomenergie ist nicht nachhaltig, die kann man auch nicht nachhaltig machen“

Kommen wir mal zum Klimaschutz. Kernenergie wird im europäischen Ausland zurzeit als klimaneutral gehandelt und vorangetrieben. Das unterstützt die Europäische Union. Wie stehen die Grünen zu dieser Entwicklung?

Wir brauchen einen starken Ausbau erneuerbarer Energien im ganzen Bundesgebiet, im Saarland auch. Hier liegt der Anteil momentan bei 20 Prozent, das ist weit hinter dem Bundesdurchschnitt von 46 Prozent. Atomenergie ist nicht nachhaltig, die kann man auch nicht nachhaltig machen. Der entstehende Atommüll muss irgendwohin. Wir diskutieren in Deutschland seit Jahrzehnten über Atommüllendlager. Kommen Standorte infrage, ist der Aufschrei dort groß. Denn niemand will ein Endlager vor seiner Haustür haben. Kommt es zu einem GAU, müssen die Folgen Jahrzehnte bis Jahrhunderte getragen werden, ganze Landstriche werden unbewohnbar, so wie es in Japan passiert ist. Atomstrom ist also auf keinen Fall nachhaltig. Daher müssen die erneuerbaren Energien ausgebaut werden.

Deutschland steigt ja bis Ende 2022 aus dem Atomstrombetrieb aus, während das Atomkraftwerk Cattenom wenige Kilometer von der Grenze zum Saarland entfernt weiterhin eine Bedrohung ist. Haben Sie eine Idee, wie man die Franzosen überzeugen könnte, das Atomkraftwerk zu schließen?

Die Grünen kämpfen im Saarland seit Jahren dafür, dass Cattenom abgeschaltet wird. Es ist einer der ältesten Reaktoren Frankreichs, der auch sehr störfallbehaftet ist. Wenn dort etwas passierte, wäre das auch für das Saarland desaströs. Daher ist es auch ein Ziel von uns, den Dialog zu den Nachbarn darüber aufzunehmen und zu sagen: Hier muss etwas passieren. Cattenom ist für uns untragbar, direkt an der Grenze.

 

„Dialog und Beteiligung sind die Stichworte“

Können Sie uns zu Ihrer Forderung, Photovoltaik und Windkraft im Saarland deutlich auszubauen, konkrete Ziele für die nächsten fünf Jahre nennen?

Das Ziel ist, die Windkraft im Saarland auszubauen und Photovoltaikanlagen verpflichtend zu machen bei Neubauten und Dachsanierungen und auch die Photovoltaikanlagen auf landwirtschaftlichen Flächen auszubauen.

Der Windkraftausbau erfährt viel Widerstand in den ländlichen Regionen, es bilden sich Bürgerinitiativen. Wie möchten Sie darauf reagieren und die Menschen überzeugen?

Es braucht einen guten Dialog von Anfang an, man muss auf die Leute zugehen. Was sehr wichtig ist, ist die Veränderung der gesetzlichen Rahmenbedingungen, sodass Bürger und Kommunen beteiligt werden und somit auch vom Betreiben der Windkraftanlagen profitieren können. Über solch einen Mechanismus schafft man Akzeptanz für Windkraftenergie vor Ort. Dialog und Beteiligung sind hier die Stichworte.

Ein wichtiger Baustein für den Klimaschutz ist die Verkehrswende. Doch die Kosten für die Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs können Azubis, junge Familien oder Menschen mit geringem Einkommen im Saarland schnell überfordern. In Luxemburg ist der öffentliche Personennahverkehr kostenfrei. Ist das im Saarland zu schaffen?

Ich denke, das ist im Saarland recht schwierig, da wir ein Flächenland sind, das eine dörfliche Struktur hat. Der ÖPNV ist sicherlich recht kostenintensiv, man muss schauen, was möglich ist. Ein 365-Euro-Jahresticket könnte ein Ziel sein, also ein Euro pro Tag für die Nutzung des ÖPNV. Ob das in den nächsten fünf Jahren zu realisieren ist, wird man sehen, denn wir sind immer noch ein Haushaltnotlagenland. Langfristiges Ziel ist aber ein 365-Euro-Ticket. Aktuell sind wir mit der Tarifreform des SaarVV schon auf einem guten Weg.

Wie können Jugendliche im ländlichen Bereich, der vom ÖPNV nicht wie der städtische Bereich erschlossen ist, mobil und flexibel bleiben?

Ich denke, da braucht es weiter Angebote wie zum Beispiel die Taxis, die dazu hier im ländlichen Bereich schon zu meiner Schulzeit eingesetzt wurden, die man also außerhalb der regulären Busfahrzeiten rufen kann und mit dem Schülerticket ohne Mehrkosten benutzen kann. So kommt man zu jeder Uhrzeit, auch zu den Randzeiten, von A nach B. Das sollte es weiterhin geben. Es braucht zudem unbedingt mehr Radwege für den Alltagsradverkehr. Viele Menschen haben auch ein E-Bike und würden ihre täglichen Wege gerne auf dem Rad bestreiten.

„Die Wirtschaft muss klimaneutral werden“

Wie möchten Sie Ihre Klimapolitik durchsetzen, ohne unzählige Ausbildungs- und Arbeitsplätze in der Auto- und Stahlindustrie zu gefährden? Im Saarland sind viele Arbeitsplätze in diesen Bereichen während der vergangenen Jahre schon abgebaut worden. Gerade bangt man um den Standort von Ford in Saarlouis.

Das ist ein schwieriges Thema im Saarland. Wir brauchen die Transformation unserer Wirtschaft. Das heißt, die Wirtschaft muss klimafreundlich beziehungsweise klimaneutral werden. Daneben brauchen wir auch Neuansiedlungen. Das muss parallel laufen, dafür stehen wir.

Die Ansiedlung der Batteriefabrik des chinesischen Herstellers SVolt mitten auf der grünen Wiese in Überherrn – ist das gemeint mit Transformation oder ist es ein Prestigeprojekt?

Hier haben wir beides: die Neuansiedlung und die Transformation hin zu einer anderen Wirtschaftsform. Wir stehen hinter SVolt, das ist eine gute Ansiedlung. Wir brauchen Neuansiedlungen, wir brauchen neue Arbeitsplätze und es ist natürlich genau der Ansiedlungssektor, den wir brauchen. Wir hoffen natürlich auch, dass es ein positives Signal für Ford in Saarlouis ist. Wir kritisieren aber den geplanten Standort von SVolt, der auf der freien Wiese ein Fehler war und ist. Wir würden uns eine Flächenpolitik wünschen, die leerstehende Industrieflächen unmittelbar nach Eintritt des Leerstandes auch wieder nutzbar macht. Das wurde hier verpasst. Mehrfach wurde das Gelände des ehemaligen Kraftwerks Ensdorf ins Gespräch gebracht, das leider nicht zeitnah zu bebauen ist. Man hätte das Gelände in Ensdorf herrichten müssen und sollte darauf verzichten, Industrieansiedlungen auf der grünen Wiese zu forcieren.

„Sagen Sie mal Frau Becker...“

Mit welchem Verkehrsmittel fahren Sie zur Arbeit?
Ich fahre mit der Bahn zur Arbeit.
Ihre Lieblingsserie?
Da gibt’s viele, vielleicht „Vikings“.
Ihr Lieblingsort im Saarland?
Wolfersheim, das ist mein Heimatort..
Wie entspannen Sie vom politischen Alltag?
Am besten, wenn ich Zeit mit meiner Familie und Zeit mit meinem Pferd verbringe.
Ihr Lieblingsessen?
Pizza.
Bereuen sie eine politische Entscheidung?
Da fällt mir spontan gar nichts zu ein.
Was tun Sie als Erstes, wenn Sie morgens ins Büro kommen?
Da mache ich den Computer an und gucke meine Mails durch.
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Seit Wochen und Monaten beschäftigt uns die Spaltung der Gesellschaft durch die Corona-Pandemie, auch im Saarland kommt es zu Demonstrationen und sogenannten „Spaziergängen“ gegen die Corona-Maßnahmen und eine allgemeine Impfpflicht. Spazieren gehen aber nicht nur Impfgegner, sondern auch Rechte und Reichsbürger. Wie ist Ihre Einschätzung dazu?

Die Corona-Politik hat dazu geführt, dass gesellschaftliche Spannungen, die sich schon seit Jahren abzeichnen, an die Oberfläche gelangt sind. Da hat sich einiges zusammengebraut, was so vorher gar nicht zusammen war und eigentlich auch gar nicht zusammen zu denken war. Ich halte das für eine der größten Gefahren unserer Zeit, auch für unsere Demokratie. Wir müssen in der Politik schauen, wie wir damit umgehen und das ist sehr schwierig. Das erlebe ich auch selbst in meinem Umfeld. Viele Menschen sind mit Gesprächen und Argumenten gar nicht mehr erreichbar.

Was also tun? Diese Menschen einfach aufgeben?

Nein! Ich denke, wir müssen es weiter versuchen. Jeder muss in seinem persönlichen Umfeld, jeder muss in den sozialen Medien und seinem persönlichen Einflussbereich immer wieder die Stimme erheben und sagen: Nein, das ist falsch, das ist so nicht richtig. Nur so können wir die Entwicklung bekämpfen und schauen, dass es nicht noch schlimmer wird, als es jetzt schon ist.

 

Corona hat uns einiges abverlangt, hätte aber doch auch eine Chance sein können. Zum Beispiel für ein verändertes Konsum-, Arbeits- und Freizeitverhalten oder für mehr Homeoffice. Haben wir das verpasst, die Möglichkeiten zu nutzen?

Nein, das glaube ich nicht, denn ich erlebe es im Moment tagtäglich, dass so viel über Videokonferenzen stattfinden kann und so vieles digital geregelt werden kann, was ich mir so vor zwei oder drei Jahren gar nicht hätte vorstellen können. Homeoffice ist plötzlich möglich bei den verschiedensten Arbeitgebern, was vorher undenkbar war. Auch zum Beispiel Abstimmungen im politischen Bereich sind plötzlich per Videokonferenz möglich, was wir uns vorher nicht vorstellen konnten. Das ist Richtung Digitalisierung und Homeoffice eine wahnsinnige Entwicklung, die wir in den letzten zwei Jahren gemacht haben. Natürlich gibt es Bereiche wie den Konsum, in denen man sich noch mehr Umdenken vorstellen könnte, aber dafür sind wir vielleicht zu sehr Konsumgesellschaft.

„Ich fände es gut, wenn Parteien sich selbst dazu verpflichten würden“

Zwei Drittel der Landtagsabgeordneten sind Männer. Glauben Sie, dass eine Frauenquote wie in Ihrer Partei auch in anderen Parteien wichtig wäre, um Gleichberechtigung zu erreichen? Die CDU hat für ihre Landesliste zur Landtagswahl ein Reißverschlussverfahren gewählt, die AfD hat es abgelehnt.

Ich finde es gut, dass die CDU das so gemacht hat. Ich halte es für wichtig, dass man das so macht. Wir sehen es an den Parlamenten: Im Bundestag sitzen immer noch sehr viel mehr Männer als Frauen und auch in allen anderen Gremien ist das so. Es braucht ein gewisses Instrument zur Frauenförderung. Ich halte die Quotenregelung für ein gutes Instrument. Allerdings muss man sagen: Eine gesetzliche Verpflichtung ist bereits vor einem Verfassungsgericht gescheitert, weil es rechtlich nicht ganz einfach ist. Wir als Partei können uns diese Regelung geben im Rahmen unserer Satzungsautonomie. Es ist jedoch schwierig für den Gesetzgeber, diese Regelung für Gremien oder Parteien zu bestimmen. Von daher achte ich unser Verfassungsrecht und würde an der Stelle keine gesetzliche Regelung fordern. Ich fände es gut, wenn Parteien sich selbst dazu verpflichten würden.

Sollten Sie in den Landtag einziehen und es käme nicht erneut zu einer großen Koalition, mit wem der beiden jetzigen Koalitionspartner CDU und SPD könnten Sie sich eine gemeinsame Regierungsarbeit vorstellen?

Wir sind grundsätzlich offen für alle demokratischen Parteien. Es kommt eben auf die Inhalte an. Wir müssen unsere Inhalte umsetzen im Koalitionsvertrag, nichtsdestotrotz ist die inhaltliche Nähe zur SPD natürlich größer.

Diesen Gegenstand hat Lisa Becker zu unserem Interview mitgebracht.

Wir haben alle Politiker:innen darum gebeten, zu den Interviews einen Gegenstand mitzubringen, der sie auf ihrem politischen Weg begleitet.

Ein Rotkehlchen – es erinnert sie an ihre Kindheit bei ihren Großeltern.
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„wirklich\\wahr“ ist das junge Magazinformat der Medienebene e.V., dem jungen Medienverband im Südwesten.


Die Ausgabe \\wahlen zur Landtagswahl im Saarland 2022 wird gefördert von der Union Stiftung, Stiftung Demokratie Saarland, Villa Lessing & der Landeszentrale für politische Bildung Saarland.